20. Oktober 2019

Hmmmm… eigentlich sollte heute Fliegerkucken angesagt sein, aber, wie Ihr wahrscheinlich gestern schon gelesen habt, haben mir die aktuellen politischen Entwicklungen im Libanon einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Ich habe also einen gemütlichen Vormittag gemacht, ausgeschlafen, gefrühstückt, und dann wollte ich ein bisschen spazieren gehen, aber es hat angefangen zu regnen. Also weiter rumgefaulenzt und durch‘s Internet gesurft.
Gegen halb eins bin ich runter zur Rezeption, einerseits um dem Housekeeping Gelegenheit zu geben, mein Zimmer auf Vordermann zu bringen, zum zweiten um an der Rezeption zu erfragen, wann ich morgen aus dem Zimmer muss, und zum dritten um meine Mitreisenden Detlev und Margret Willing aus München und das Ehepaar Glauch aus (unüberhörbar) Sachsen zu verabschieden. Eva, und die beiden Schweizer Karl Meier und Frau Fattinger mussten schon diese Nacht um eins los, denn deren Flieger nach Frankfurt startete schon heute morgen um vier. Da hatten wir uns natürlich gestern Abend schon verabschiedet.
Nachdem ich also der letzte Mohikaner war, habe ich noch ein bisschen auf ruhig gemacht und im Zimmer die einschlägigen lokalen Webseiten zur aktuellen Lage in Beirut konsultiert. Alles ruhig, und so bin ich um kurz nach drei zu einem Spaziergang runter zur Corniche und zum Meer aufgebrochen. (Damit man dem Logbuch - und den Nachrichten – ein bisschen besser folgen kann, habe ich Euch einen Plan des Zentrums von Beirut mit angehängt. Die Damascus-Straße ist die Grenze zwischen dem mehrheitlich christlichen Ost-Beirut und dem mehrheitlich muslimischen West-Beirut.) Eigentlich wollte ich ein bisschen auf dem Campus der American University of Beirut spazieren gehen, aber da war heute alles zu, selbst der Eingang von der Corniche aus war verschlossen.
Der Betrieb an der Corniche war normal für einen Sonntagnachmittag. Man konnte fast meinen, es wäre nichts Besonderes los in Beirut, wenn da nicht die angekokelten Müllcontainer gewesen wären… und die Asche und der Ruß von den brennenden Autoreifen, die da vorgestern noch die Straße gesperrt hatten… und die dicken Humvees und Truppentransportpanzer der libanesischen Armee und der Internal Security Forces… Die Regierung scheint wieder auf alles vorbereitet. Allerdings gibt der gestrige Abend Anlass zur Hoffnung, denn die Demonstrationen blieben friedlich und Polizei und Militär haben nicht eingegriffen. Nichtsdestotrotz sind die Ereignisse hier der größte Massenprotest in der Geschichte des Landes und das Besondere ist, dass sich alle Bevölkerungs- und Religionsgruppen beteiligen und dass es keinerlei Anführer gibt. Die Bevölkerung hat einfach die politische und wirtschaftliche Lage satt, und nach dem eskalierten Start in der Nacht von Donnerstag auf Freitag scheint der friedliche Protest bei weitem zu überwiegen. Es ist auch in den letzten beiden Tagen niemand ums Leben gekommen, und die Polizei hat alle Verhafteten von Freitagabend wieder freigelassen. Okay… alle bis auf einen… auf einer der Webseiten, die ich hier verfolge, fand sich dazu folgende Story: Ein Demonstrant, der im Rahmen der Ausschreitungen am Freitagabend festgenommen wurde, hatte noch ein unbezahltes Bußgeld ausstehen, und wurde daher in Haft behalten. Hmmmm… wenn ich doch sowieso schon bei den Behörden in der Kreide stehe, dann randaliere ich doch nicht auch noch rum und lasse mich erst recht nicht mit 70 anderen verhaften, während hunderte davonkommen. Das finde ich jetzt eher unschlau… *lach…
Aber zurück zu meinem Nachmittag. Ich bin also wieder die Corniche zurück in Richtung Jachthafen geschlendert, vorbei an den Anglern und Joggern, den handyflitschenden Jugendlichen und den spielenden Kindern, den syrischen Flüchtlingen (die Frauen erkennt man laut Abbas an der Art, wie sie das Kopftuch tragen… ich vermute auch, dass das die hohe Zahl der Kopftuchträgerinnen erklärt, die ich im ersten Eintrag erwähnt habe, denn heute waren viel mehr Frauen ohne Kopftuch unterwegs).
Was heute außerdem deutlich anders war als vor einer Woche, das waren die Auto- und Motorradkorsos, allesamt hupend und libanesische Flaggen schwenkend. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es sich hier um Demonstranten handelt, dann hätte ich gedacht, dass der Libanon irgendein großes Fußballturnier gewonnen hätte. Die Anzahl der Leute, die mit Flaggen unterwegs zu den Demos auf dem Märtyrer-Platz und am Riad al-Solh Square waren, nahm im Laufe des späteren Nachmittags immer mehr zu. Alles sehr gesittet und friedlich. Und über die Straßen brauste der Demonstrationsverkehr. Ich habe davon auch ein paar Fotos gemacht. Eines der besten seht Ihr heute als Bild des Tages, das ich an der Ecke Omar Daouk- und Fakhreddine-Straße fotografiert habe. Ich finde dieses Bild zeigt ganz toll die Widersprüchlichkeit, die ich so typisch libanesisch finde, und die dieses Land einem auch ans Herz wachsen lässt. Die Jungs in dem aufgemotzten BMW hätten wahrscheinlich kein Problem mit der Whatsapp-Steuer gehabt, aber demonstrieren tun sie trotzdem, und meiner Meinung nach zu Recht, denn das was ich aus so unterschiedlichen Quellen wie von meinem Reiseleiter Abbas und meinem Spotter-Kontakt Kris gehört habe, ist eindeutig: es muss sich was ändern im Libanon.
Da ich heute kein Abendessen mehr im Hotel hatte, habe ich mir auf der Corniche, wo ich bei meinem Streifzug durch die Gegend wieder vorbeikam, ein Chawarma gekauft. Die Imbissbude hatte super viel zu tun, so dass ich auf mein Essen warten musste und währenddessen den Betrieb beobachten konnte. Die Libanesen, die ihr vorbestelltes Essen abholen kamen, das neue Fladenbrot, das gebracht wurde, die Autokorsos, und auch die Motorradgang, die mit vermummten Gesichtern vorbei knatterte und wo ich mir gedacht hab „Macht keinen Mist, Jungs.“
Gegen halb sechs war ich wieder im Hotel und hab den Rest des Abends den lieben Gott nen guten Mann sein lassen… achja, und den Online-Checkin für morgen habe ich auch schon erledigt. Ich kann bis eins im Zimmer bleiben und ich hoffe mal, dass der Fahrer pünktlich ist und wir dann auch gut zum Flughafen durchkommen. Morgen früh muss ich also nur noch den Koffer packen und vielleicht gehe ich nochmal runter zum Meer.

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