26. Oktober 2026
Heute war eigentlich ein ganz entspannter Tag. Nach dem Frühstück in Orchha ging’s auf guten Straßen in Richtung Khajuraho. Ich meine mich zu erinnern, dass das vor 20 Jahren noch viel schwieriger war. Heutzutage fährt man fast die ganze Strecke auf einer vierspurig ausgebauten Schnellstraße. Viel Verkehr gibt es aber trotzdem nicht, vielleicht auch, weil die Benutzung der großen Straßen Maut kostet. Die Landschaft war ein bisschen abwechslungsreicher als gestern während der Zugfahrt. Auch heute ging es über den ein oder anderen Fluss drüber und ab und zu gab es auch mal nen Hügel zu sehen. Hauptsächlich aber plattes Land. Unter anderem sind wir auf der Fahrt an Chhatarpur vorbeigekommen. Das ist Bharats Heimatstadt. Er kann also heute bei Frau und Kindern übernachten.
So richtig gut beschreiben lässt sich der Straßenverkehr hier in Indien nicht, selbst der wohlgeordnete. Ihr habt vielleicht das Video aus Sawai Madhopur gesehen mit dem Feierabendverkehr samt Tröterei in einer kleinen Stadt. Aber auch auf Autobahn und Schnellstraßen sind die Inder zwar effiziente aber unorthodoxe Autofahrer. Und nicht nur das. Am Verkehr selbst auf der Autobahn nehmen Trecker, Hunde, Fahrräder, Tuktuks, Kühe, Mopeds, Fußgänger und manchmal sogar Schafherden teil. Ist schon wild. Einen weiteren kleinen Eindruck zum Thema Straßenverkehr gibt das erste Bild des Tages, das ich kurz vor dem Ortseingang von Khajuraho gemacht habe.
Khajuraho ist ein kleiner Ort, ungefähr so große wie Euskirchen. Aber es steht ziemlich groß gedruckt auf der touristischen Landkarte von Indien. Grund dafür sind die tausend Jahre alten Hindu-Tempel, die man sich hier ansehen kann. Dadurch gibt es im Ort etliche große Hotels und ein schickes neues Flughafengebäude. Vor 20 Jahren war das eher klein und sparsam. Viel Flugverkehr ist aber nicht. An einem normalen Tag gibt es einen Flug mit Indigo von und nach Delhi und einen mit Air India von Delhi und über Varanasi zurück nach Delhi.
Die Fahrt von Orchha nach Khajuraho hat knapp drei Stunden gedauert, mit ner kurzen Pause zwischendurch. Gegen Mittag waren wir also im Hotel. Es gab ein bisschen Mittagsimbiss und ein Päuschen mit ein bisschen Bubu für mich. Um halb drei war die Pause aber vorbei. Wir haben unseren Guide in der Lobby getroffen. Ein älterer Herr, der schön Deutsch sprach und auch viel zu erzählen wusste. Nur manchmal hat er unsere Fragen nicht richtig verstanden.
Khajuraho ist – wie erwähnt – klein. Wir waren also in unter fünf Minuten am Eingang der westlichen Tempel-Gruppe. Die Tempel sind unterschiedlichen Göttern geweiht und die Reliefs und Skulpturen zeichnen sich durch große Handwerkskunst aus. Was auf den mitteleuropäisch sozialisierten Besucher allerdings ziemlich befremdlich wirkt, dass sind die vielen erotischen Darstellungen in den Reliefs. Kamasutra, Tantra und das ein oder andere, was man eher mit dem 21. Jahrhundert und schmuddeligen Webseiten in Verbindung bringt, wird hier im handwerklich formvollendeten, steinernen Relief en detail und explizit dargestellt. Der religiös-kulturelle Hintergrund ist laut Erklärung unseres Guides, dass auf den Außenseiten der Tempel das menschliche, irdische Leben in allen (!) Facetten dargestellt wird, während es im Skulpturenschmuck im Tempelinneren um den Himmel geht. Hier findet man auch keine Sexszenen mehr. Nichtsdestotrotz sind die „erotischen Tempel von Khajuraho“ - wen wundert’s? - ein Touristenmagnet. Wir hatten heute allerdings Glück. Es war nicht voll in dem schönen Park, der die westliche Tempelgruppe beherbergt. Hauptsächlich Inder waren hier unterwegs und ich hatte sogar Zeit für ein bisschen Vogelpirsch… und für die fotografische Begegnung mit einem Airbus A319 der Air India im Endanflug auf den Flughafen von Khajuraho.
Nach der Besichtigung der westlichen Tempelgruppe, die, wenn man über die FSK-18-Skulpturen hinwegsieht, immer noch ein eindrucksvolles Beispiel hinduistischer Tempelbaukunst aus dem 11. Jahrhundert ist, hat Bharat uns zur östlichen Tempelgruppe gefahren. Das spannende hier war, dass diese Tempel zwar im hinduistischen Stil erbaut sind, aber Heiligtümer des Jainismus sind. Der Jainismus ist eine um 600 v.Chr., also zu einer ähnlichen Zeit wie der Buddhismus, in Indien entstandene Religion, deren Ideal es unter anderem ist, keine Lebewesen zu verletzen. Erotische Darstellungen gibt es an Jain-Tempeln auch nicht. Ich habe heute einiges über den Jainismus erfahren, aber wenn ich hier ins Detail gehe, wird das wieder ein sehr langes Logbuch. Also: einfach mal bei Wikipedia nach Jainismus suchen.
Mittlerweile war’s jetzt halb sechs und so haben wir uns nach ein paar Fotos vom Sonnenuntergang auf den Weg zurück zum Hotel gemacht. Der Abend klang bei gutem Essen und Kingfisher Lager aus.
Morgen haben wir einen Fahrtag, mit einer langen Strecke, die bewältigt werden muss und keinem konkreten Programm. Wir fahren nämlich, wie schon 2004, von Khajuraho zum Bandhavgarh-Nationalpark. Hier haben wir den zweiten naturkundlichen Teil der Reise. Ich bin schon sehr gespannt, was uns bei den Safaris erwartet.
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