25. Oktober 2026
Bahnfahren in Indien… der Zug kommt… nicht… Mit rund einer Stunde Verspätung fuhr der Shatabdi-Express heute morgen in Agra-Cannt, dem Hauptbahnhof von Agra, ein. Naja, als gelegentlicher Nutzer der Deutschen Bahn ist man ja einiges gewohnt und wir haben es mit Humor genommen. Vorher mussten wir uns allerdings von Madan verabschieden. Ich hoffe, dass wir mit unserem neuen Fahrer, den wir seit heute mittag haben, genauso gut klar kommen.
Beim Stichwort „Zugfahren in Indien“ hat man die Bilder der Vorortzüge von Mumbai vor dem inneren Auge, wo die Menschen außen am Zug hängen. Davon waren wir weit entfernt. Wir saßen im Executive Coach, was der ersten Klasse bei der DB entsprechen würde, und es wurde uns sogar Essen serviert, während draußen die indische Landschaft vorbeizog. Den Streckenverlauf könnt Ihr in der Karte verfolgen (ignoriert bitte die Zeitangaben) und als erstes Bild des Tages zeige ich Euch die Lok, die uns heute gezogen hat.
Besonders spannend ist die Landschaft weitgehend nicht. Flaches Land, hauptsächlich Landwirtschaft mit Reisanbau und ab und zu auch ein paar Zuckerrohrfelder. Von Zeit zu Zeit überquert die Bahnlinie einen Fluss und ein paar Zwischenhalte gab es auch. Gut zweieinhalb Stunden hatte die Zugfahrt gedauert, als wir gegen halb zwölf im Bahnhof von Jhansi ankamen. Auf dem Bahnsteig stand schon jemand mit nem Schild mit meinem Namen drauf. Alles läuft hier (bisher) wie geschmiert.
Vor dem Bahnhof von Jhansi wartete unser neuer Fahrer, Bharat. Ist schon ein Kontrast zu Madan. Madan war eher der zurückhaltende Typ, Bharat hatte uns schon vor dem Ende des ersten Fahrkilometers Handyfotos von seiner Frau und seinen beiden Töchtern gezeigt… *lach…
Das Etappenziel unserer heutigen Reise war Orchha. Vom Bahnhof in Jhansi sind das rund 45 Minuten Fahrt. Bharat hat uns direkt zum Hotel gefahren, wo wir direkt einchecken konnten. Dann gab es eine ausgedehnte Mittagspause und um 15:00Uhr startete das Besichtigungsprogramm hier in Orchha.
Die Stadt Orchha wurde Anfang des 16. Jahrhunderts vom Maharaja des gleichnamigen Landstrichs gegründet und war über Jahrhunderte der Regierungssitz der Gegend. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ließ der Maharaja einen Palast in der Stadt bauen, den sogenannten Raja Mahal. (Das Wort Mahal bedeutet übrigens Palast.) Der Raja Mahal ist der älteste Teil des als Orchha Fort bezeichneten Palastkomplexes. Hier haben wir unseren örtlichen Guide getroffen. Der entschuldigte sich sofort, dass es hier keinen deutschen Guide gäbe, aber Orchha sei halt klein. Ist es mit etwas über 10.000 Einwohnern wirklich, erst recht für indische Verhältnisse. Der Ort hat schon fast etwas Gemütliches. Wir waren natürlich auch mit einer englischen Führung zufrieden, und unser Guide hat seine Sache wirklich gut gemacht. Wir haben uns zuerst den Raja Mahal angekuckt. Im Gegensatz zu den schön restaurierten und durchorganisierten Monumenten, die wir auf dieser Tour bisher besucht haben, hat man im Orchha Fort bisher wenig erneuert und restauriert. Die Fresken der Hallen und Wohnräume sehen aber auch nach 500 Jahren immer noch sehr gut aus. Außerdem waren wir bei unserer Ankunft fast alleine im Palast. Wir sind das gar nicht mehr gewohnt… *lach… Ihr könnt es im zweiten Bild des Tages sehen. Ich liebe solche Gebäude und solche Ansichten. Durch die Vielzahl der Gebäudeteile wie Hallen, Wandelgänge, Korridore, Durchgänge, Erker und Balkone entstehen faszinierende Perspektiven und Blickwinkel, wenn man sich durch das Gebäude bewegt. Davon gibt das Bild einen kleinen Eindruck und auch von der Leere und dem Erhaltungszustand des Palastes.
Direkt neben dem Raja Mahal liegt der Jahangir Mahal. Dieser Teil des Forts wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts erbaut, als Gästehaus für einen anstehenden Besuch des Großmoguls Jahangir (Vater von Shah Jahan und Schwiegervater von Mumtaz). Auch dieser Palast ist echt sehenswert und wir haben einiges an Zeit dort verbracht und die eindrucksvolle Architektur bewundert. Zu diesem Zeitpunkt waren wir allerdings schon nicht mehr alleine, denn mehrere Schulgruppen waren jetzt im Orchha Fort unterwegs.
Man merkt, dass hier nicht so viele Touris hinkommen. Die Kinder winkten, grüßten freundlich… und baten darum, mit uns Fotos machen zu dürfen. Dass man als Tourist selber zur Attraktion wird, ist heutzutage ja eher selten und mir war zu Beginn nicht ganz klar, worauf die Pänz hinauswollten, aber dann hab ich kapiert, dass es vor allem um Heike ging, eine hellhäutige Europäerin mit kurzen blonden Haaren… Da hatte sie heute Promi-Status. Und die indischen Kinder waren echt nett und respektvoll.
Vom Orchha Fort sind wir zum Laxmi-Tempel gefahren, wir drei mit Bharat im Auto und unser Guide mit dem Motorrad. Wenig überraschend wartete er schon auf uns, als wir dort ankamen. Der ehemalige Tempel der Hindu-Göttin Laxmi liegt hoch über der Stadt und bietet einen schönen Blick auf das Orchha Fort und die Stadt selbst. Seitdem 1986 das Bild der Göttin gestohlen wurde, ist der Tempel außer Betrieb. Nach den hinduistischen Glaubensvorstellungen kann man nicht einfach ein neues Standbild aufstellen. Mit der Entfernung der Götterstatue hört das Gebäude für immer auf, ein Tempel zu sein. Der Laxmi-Tempel enthält zwar kein Bild der Göttin mehr, aber immer noch eindrucksvolle Gemälde und Wandgravuren, die unser Guide uns ausführlich erklärt hat.
Letzter Sightseeing-Punkt für heute waren die Orchha Chhatris. Diese Gebäude mit Türmen und Kuppeln wurden an der Stelle errichtet, wo man die Körper der Maharajas von Orchha nach ihrem Tod kremiert hat. Die Chhatris liegen sehr schön am Ufer des Betwa Rivers. Viel zu kucken gibt es da eigentlich nicht, außer diesen Gebäuden, die aber kein wirkliches Innenleben haben. Außen dran gibt es dagegen reichlich Leben, und für mich DAS ornithologische Highlight des Tages. Auf und um die Chhatris lebt eine Kolonie Indiengeier. Der Indiengeier ist wie alle Geierarten in Südasien vom Aussterben bedroht. Die früher einmal in die Millionen zählenden Geier sind weitgehend verschwunden. Zum Thema „Indische Geierkrise“ habe ich im Reiselogbuch Nepal schon mal was erzählt. Das könnt Ihr hier nachlesen. Dank umfangreicher Schutzmaßnahmen beginnen die Bestände sich langsam zu erholen und hier in Orchha gibt es schon wieder einige Geier, die auf den Chhatris brüten. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich Spaß hatte. Leider war es aber schon dämmerig und deshalb sind die Fotos eher suboptimal geworden. Ich habe mich also dagegen entschieden, Euch hier einen Indiengeier zu präsentieren.
Morgen reisen wir schon wieder weiter, nach Khajuraho. Im Gegensatz zu Orchha, das neu für mich war, war ich in Khajuraho auch 2004 schon. Bharat hat die Abfahrtszeit auf halb neun gesetzt und ließ auch nicht mit sich handeln.
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