22. Oktober 2026
Wecken um fünf vor fünf… für mich ist das Höchststrafe, vollkommen egal, ob an dem Tag was Spannendes oder Schönes ansteht. Pünktlich um halb sechs war Madan zur Stelle und hat uns zum Treffpunkt mit dem Fahrer und Guide gebracht. Leider hatten wir das gleiche Problem wie gestern Abend. Wir hatten zu dritt nur eine Sitzbank. Bequem ist echt anders. Die beiden weiteren Mitreisenden waren, wie man ihrem Gespräch entnehmen konnte, zwei deutsche Lehrerinnen. Nein, wir haben uns nicht als Kollegen zu erkennen gegeben und sind von den beiden auch nicht nach unserem Broterwerb gefragt worden.
Für unsere Morgensafari war unserem Maruti-Jeep die Zone 8 zugewiesen worden. Gestern nachmittag hatten wir Zone 7. Kurz zur Erklärung: der besuchbare Teil des Ranthambore-Nationalparks, rund 20% der insgesamt 1334km², ist in insgesamt 10 Zonen eingeteilt. Den Safari-Fahrzeugen werden Zonen für ihre Pirschfahrten am Morgen oder am Nachmittag zugewiesen und man darf diese Zonen auch nicht verlassen. Das hat den großen Vorteil, dass es nicht übervoll wird und man sich auch nicht per Handy verständigen kann, wo man grade nen Tiger gesehen hat und dann stürmt alles genau dort hin. Im Park gibt es sowieso ein Handyverbot. Zum einen um genau das zu verhindern, dass man sich gegenseitig informiert, wo gerade ein Tiger gesichtet ist, und zum anderen um selbstgefährdendes Verhalten von Touristen zu vermeiden… So selfie-verrückt wie die Inder sind, klettern die sonst schon mal aus den Jeeps. Ist echt vorgekommen und hat zu Tiger-Angriffen geführt. Krasser Nachteil für mich: es gibt keine Videos und keine Selfies. Selbst Landschaftsaufnahmen muss man ‚stehlen‘.
Zur Landschaft in Ranthambore hatte ich gestern ja schon ein bisschen was erzählt. Im gestrigen Logbuch gab es ein Bild und man erkennt da gut die bergige Landschaft. Die Hochebenen oberhalb der Steilhänge und Felsabbrüche sind mit lichtem Wald und mit savannenartigen Grasflächen bedeckt. Das macht die Landschaft sehr abwechslungsreich und man kann die Tiere gut sehen.
Gesehen haben wir heute wieder Sambars, Chitals und Nilgais, wie die Nilgauantilopen auf Hindi heißen. Im ersten Bild des Tages seht Ihr ein Jungtier dieser für Indien typischen Antilopenart. Auch Geflügel gab’s heute morgen reichlich. Dass man auf dem Subkontinent viele Pfauen in den Nationalparks sieht, wusste ich noch von 2004 und hatte es 2023 in Nepal bestätigt gefunden. Die Pfauenhähne sind allerdings um diese Jahreszeit in „de Muuz“, wie man in der Eifel sagt, und tragen daher keine lange Schleppe. Nach der Mauser wächst den Pfauenhähnen ab September/Oktober eine neue Schleppe.
Was wir heute nicht – auch nicht heute Nachmittag – gesehen haben, das waren Tiger. Man konnte es an den Bildern des Tages erahnen. Das einzige Raubtier, das uns heute begegnet ist, war ein Mungo.
Um kurz nach zehn waren wir zum Frühstück und zur „Mittags“pause wieder im Quartier. Da die Nachmittagssafari schon um kurz vor zwei starten sollte und wir dem Frühstücksbuffet ausgiebig zugesprochen hatten, fiel das Mittagessen aus. Als ich in mein Zimmer kam, stellte ich allerdings fest, dass das Housekeeping noch nicht gearbeitet hatte. Ich habe einem der Mitarbeiter Bescheid gesagt und war in der Zwischenzeit ein bisschen auf Vogelpirsch im Garten unserer Unterkunft.
Um kurz vor zwei kam Madan uns abholen. Madan ist klein und etwas knubbelig. Bisher saß er immer schick mit Hose und Hemd und Namensschild hinter dem Steuer des Toyotas, aber heute morgen war es dafür wohl zu früh. Madan erschien in Jogginghose, T-Shirt und Flipflops und brachte uns nach der Morgensafari auch in diesem Freizeitdress zurück zum Hotel. Wir staunten entsprechend nicht schlecht, als er uns heute Mittag abholte. Madan war beim Barbier gewesen. Der Fünftagebart war weg und er war wieder staats im Hemd.
Außer uns dreien war heute nachmittag nur ein weiterer Gast auf der Tour mit dabei, eine Amerikanerin aus New Jersey. Das bedeutete für alle an Bord eine bequeme Safari, denn auf jeder Bank war der mittlere Platz frei. Heute nachmittag war uns die Zone 1 zugeteilt worden. Die Pirschfahrt führte dieses mal hauptsächlich an Flussläufen und Seen entlang… sehr abwechslungsreich. Wir haben zwar nichts Neues an Großwild gesichtet, aber es gab sehr schöne Beobachtungen von Sambars und Chitals. Safari ist grundsätzlich super, aber ich finde es immer noch deutlich besser, wenn man die Tiere nicht nur einfach sieht, sondern sie auch beobachten kann, wie sie etwas tun und ihrem Alltag nachgehen. Fressen, trinken, aufpassen, Junge säugen, sich zanken… was halt so dazugehört. Und manchmal gibt es auch für Tiere Pause vom Alltag und „Gönnen“ steht im Vordergrund. So wie bei dem Sambar im Schlammbad, den Ihr im zweiten Bild des Tages seht. Der Schlamm spritzt und schwappt nach allen Seiten, die Hufe stippen in die Luft, und der kapitale Hirsch hat einen Gesichtsausdruck, der für meine Augen deutliches Wohlbehagen und Entspannung demonstriert. Einfach sehr cool. Alles in allem also war es also eine sehr schöne Nachmittagssafari.
Morgen geht’s später los. Madan hat mir per WhatsApp mitgeteilt, dass wir erst um 5:50h starten zur zweiten und letzten Morgensafari hier in Ranthambore. Morgen nachmittag wechseln wir nämlich wieder zum kulturellen Teil der Tour. Es geht nach Agra.
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