20. Oktober 2026
Tag drei in Indien und es war wieder ein echter Kracher… dieses Mal sogar mit einer besonderen Bedeutung für mich, denn ich muss ein altes Urteil revidieren. Dazu später mehr.
Wir sind in Jaipur, Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan und mit rund vier Millionen Einwohnern eine der kleineren Millionenstädte auf dem Subkontinent. Der Bundesstaat Rajasthan ist größer als die Bundesrepublik Deutschland, grenzt im Westen auf über 1000km Länge an Pakistan und besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus Wüste. Hier im Osten ist es zwar auch trocken, aber nicht wüstenartig, dafür aber sehr hügelig, was die Landschaft rund um Jaipur ziemlich abwechslungsreich macht.
Gestern hatte unser Fahrer Madan die Abfahrtszeit auf 8:15 Uhr angesetzt. Das war nach den beiden späten Starts um 10 gestern und vorgestern schon fast unbequem früh, aber es stand heute viel auf dem Programm und am Ende des Tages hat sich das frühere Aufstehen sehr gelohnt.
Um viertel nach acht heute morgen, nach einem wieder mal sehr schönen Frühstück, haben wir unseren lokalen Guide getroffen. Auch er sprach schön Deutsch, wusste total viel und auch interessant zu erzählen, auch wenn er manchmal von der Aussprache her etwas schwer zu verstehen war.
Der erste Programmpunkt des Tages hatte allerdings weniger mit Bildung zu tun sondern mit Tourismus. Wir sind zu einem kurzen Fotostopp zum „Palast der Winde“ gefahren, auf Hindi Hawa Mahal genannt. Der „Palast der Winde“ ist gar kein Palast sondern nur ein Teil der Außenfassade des Stadtpalastes der Maharajas. In den vielen vergitterten Alkoven konnten die Frauen, versteckt vor neugierigen Blicken, das Treiben auf der Straße beobachten. Der „Palast der Winde“ ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten Jaipurs, wenn nicht ganz Indiens und findet sich in jedem Reiseführer, oft sogar auf dem Cover. Und er ist ABSOLUT überbewertet. Zu dem Schluss war ich schon vor 22 Jahren gekommen, aber in Jaipur gehört ein kurzer Besuch dort einfach dazu, und was soll ich sagen, dank Digitalfotografie habe ich an der geometrischen Architektur Gefallen gefunden. Ne Viertelstunde kann man dafür schon ansetzen, vor allem im Zusammenspiel der Fassade und dem typisch indischen Verkehr auf der Straße davor. Die Schlangenbeschwörer, die mit ihren entzahnten Kobras noch wie vor 22 Jahren auf dem Bürgersteig saßen, sollte man aber tunlichst ignorieren. Haben wir auch gemacht. Dem „Palast der Winde“ ein Bild des Tages zu geben stand aber außer Frage. Gerne mal googlen, wenn Ihr wissen wollt, wie das Ding aussieht.
Durch die Altstadt von Jaipur, in Broschüren und Prospekten oft „Pink City“ genannt, auch wenn die Häuser terrakotta-farben angestrichen sind, ging die Fahrt als nächstes hinaus zum Amber Fort. Amber Fort – man sieht es im ersten Bild des Tages - ist eine der größten und bekanntesten rajasthanischen Festungen. Die wehrhafte Anlage hoch über einem Stausee stammt aus dem Ende des 16. Jahrhunderts und war einer der Hauptsitze des rajputischen Maharajas der über die Umgebung hier herrschte. Die Festung enthält große, sehr schön gestaltete Palastanlagen und ist ebenfalls eine der Hauptsehenswürdigkeiten rund um Jaipur. Vor 22 Jahren sind wir – man wusste es damals echt nicht besser – auf dem Rücken eines Elefanten hoch zur Festung geritten. Diese Transportoption hatten wir heute für uns schon absolut ausgeschlossen, obwohl sie im Voucher von Razdan Holidays drin stand. Wir hatten schon beschlossen, dass wir den Guide um eine Alternative bitten wollten, bevor wir ihn heute morgen trafen, aber als ich das Thema ansprach, sagte er, dass es heute sowieso keine Elefantenritte gäbe. Aufgrund eines größeren Hindufestivals im Tempel oben auf der Burg wäre heute nur der Besuch mit Autos möglich. Also eine Sorge weniger und die Dickhäuter hatten heute frei, was ich den armen Tieren total gegönnt habe.
Madan hat uns also bis oben gefahren und dann haben wir unter der fachkundigen Leitung unseres Guides die Paläste oben auf dem Berg erkundet. Echt sehr schön. Man war zwar nicht alleine, bei weitem nicht, aber die Atmosphäre war trotz der vielen Menschen ruhig und entspannt, so wie wir es vorgestern schon am Humayun-Mausoleum in Delhi erlebt hatten.
Rund zwei Stunden haben wir im Amber Fort verbracht. Es ist echt eindrucksvoll und bietet viele fantastische Fotomotive, sowohl im Bereich Architektur, als auch im Bereich Leute. Ich liebe es die Inder zu beobachten. Denen ist es, anders als mir und vielen Europäern, überhaupt nicht wichtig, dass das Bild einer Sehenswürdigkeit möglichst menschenfrei ist. Im Gegenteil. Die Inder posieren davor und fotografieren sich, einzeln per Selfie, gegenseitig oder mit der ganzen Familie per Handy-Selbstauslöser. Das Handy ist übrigens eine der wichtigsten Veränderungen seit meinem ersten Indien-Besuch. So gut wie jeder hat hier eins und es wird hemmungslos benutzt.
Vom Amber Fort sind wir mit einem kurzen Foto-Stopp am Wasserpalast von Jaipur, der einige Vogelarten neu auf die Liste gebracht hat, zu einer kunsthandwerklichen Kooperative gefahren. Ein bisschen Kaffeefahrt gehört leider zu einer Indien-Reise dazu. Die Teppiche waren auch sehr schön, aber gekauft haben wir – Überraschung - nichts. Soweit so gut. Nach dem Mittagsimbiss sollten wir dann noch in ein Schmuckgeschäft, aber da haben wir unser Desinteresse schon so deutlich bekundet, dass die Veranstaltung nach zehn Minuten vorbei war. Okay, die Leute wollen was verkaufen und Geld verdienen, aber ich muss da nicht mitspielen. Mit Werbeverkaufsshows bin ich für diese Tour durch. Beim nächsten Besuch einer „Kooperative“ setze ich mich demonstrativ mit dem Handy flitschend vor die Tür.
Für den Nachmittag waren zwei ernsthafte Besichtigungspunkte vorgesehen. Der erste war der Stadtpalast des Maharajas von Jaipur. Auch eine sehr schöne Anlage und im Gegensatz zu Amber Fort noch richtig in Betrieb. Ähnlich wie auf dem Buckingham Palace zeigt die Beflaggung an, ob der Maharaja zu Hause ist (er war). Der aktuelle Maharaja von Jaipur ist 28 Jahre alt, einer der begehrtesten Junggesellen Indiens, natürlich in England zur Schule gegangen und hat in London natürlich auch eine Zweitwohnung. Politische Macht besitzt er allerdings nicht. Sein Urgroßvater war der letzte wirkliche Herrscher von Jaipur.
Der Stadtpalast von Jaipur liegt – der Name lässt es erahnen – mitten in der Stadt. Es gibt ein Museum und man kann durch die Höfe und Audienzhallen wandeln. Das zweite Bild des Tages gibt einen kleinen Eindruck. Was allerdings täuscht, sind die wenigen Menschen auf dem Bild. Auch im Stadtpalast waren wir nicht alleine, aber genau wie in Amber Fort ging es ruhig und entspannt zu. Kein Gedrängel, kein Getobe. Sehr angenehm. Zu diesem Zeitpunkt war spätestens für mich klar, dass es mir hier in Jaipur gefällt. Das war vor 22 Jahren anders. An den Besuch damals habe ich nämlich keine guten Erinnerungen. Ich kann jetzt nichts Konkretes nennen (und ein Logbuch von damals gibt es ja nicht) aber ich habe mit eher negativen Gefühlen an meinen damaligen Besuch gedacht. Das hatte ich meinen Mitreisenden wohlweislich verschwiegen, und wie sich nach dem heutigen Tag herausstellt, zu Recht. Es ist schon schön hier. Das galt auch für den letzten Programmpunkt heute.
Das Jantar Mantar ist das von Maharaja Sawai Jai Singh II. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete Observatorium. Mit den hier erbauten Sonnenuhren und Instrumenten kann man Uhrzeiten bis auf zwei Sekunden genau anzeigen, die Position der Sonne in den Tierkreiszeichen bestimmen und Aszendenten berechnen. In meiner Erinnerung waren wir damals dort allein und ich war nur mäßig beeindruckt. Heute war auch dort viel los, die Anlage ist gut in Schuss und schön mit Tafeln und Infos aufbereitet. Auf jeden Fall nen Besuch wert. Ihr seht: nach 22 Jahren bin ich mit Jaipur komplett versöhnt. Fast schon schade, dass es morgen weiter geht. Aber unsere Zeit hier in Indien ist begrenzt.
Für morgen hat Madan die Abfahrt wieder auf zehn Uhr gesetzt. Morgen wechseln wir auch zum ersten Mal den Schwerpunkt der Tour vom kulturell-historischen zum naturkundlichen. Ich bin schon sehr gespannt.
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