26. Juli 2026
Nach dem Sightseeing-Stress gestern war der Tag heute entspannter.
Oh Mann... Ich sitze hier im Steakhouse in Aberdeen, es ist Sonntagabend, ich bin der einzige Gast, der höfliche indische Kellner hat mir gerade Wasser gebracht (ich hatte auf Google Maps nicht gesehen, dass das Restaurant BYOB ist) und dann wurde für mich extra Musik angemacht. Erstes Lied: Modern Talking „Cheri, Cheri Lady“… surrealer geht es kaum… *lach…
Wo war ich? Ach ja, beim entspannten Tag. Heute ist Sonntag, und während gestern Abend in Dundee noch der Bär gesteppt hat, war heute schon fast gespenstische Ruhe. Ich hab mir ein bisschen Zeit gelassen mit dem Auschecken und bin dann zuerst zum Dundee Law gefahren. Das ist der Haushügel von Dundee und man hat von oben einen sehr schönen Blick auf die Stadt, den Firth of Tay und die Brücken. Von da oben sieht es gar nicht so schlecht aus, aber ansonsten ist Dundee echt nicht der Bringer.
Dann ging's raus aufs Land. Die Gegend hier ist noch nicht so wirklich wild und es gibt viel Landwirtschaft. Trotzdem sehr schön.
Mein erstes Ziel heute war Glamis Castle. Man spricht es "Glahms" aus. Kennt man vielleicht aus Shakespeare. Zu Beginn des Stücks ist Macbeth der Thane of Glamis und in seiner Burg ermordet er König Duncan. Was soll ich sagen? Ist alles erfunden. Das aktuelle Glamis Castle existierte im 11. Jahrhundert, zur Zeit des realen Macbeth noch gar nicht. Trotzdem gibt es natürlich einen Raum im Schloss, von dem man früher erzählte, hier wäre Duncan erdolcht worden. Ist so ähnlich wie mit dem Romeo und Julia-Balkon in Verona.
Glamis Castle liegt in einem riesigen Park, hat große Gartenanlagen (die ich mir aber gespart habe) und hinter dem Parkplatz grasen schottische Hochlandrinder. Eigentlich ist „Castle“, also Burg, heutzutage nicht mehr das richtige Wort. Es müsste besser „Palace“, also Schloss, heißen. Es gab zwar schon im 14. Jahrhundert hier eine Burg, aber durch viele An- und Umbauten hat Glamis Castle seine heutige Gestalt erhalten und strahlt nicht mehr besonders viel Wehrhaftigkeit aus. Das sieht man auch im ersten Bild des Tages. Glamis Castle wurde 1372 vom schottischen König Robert II. an den Thane of Glamis, John Lyon gegeben. Daher sieht man auch überall im Schloss Darstellungen von Löwen. Seitdem ist Glamis Castle im Besitz der Familie Bowes-Lyon, der Grafen von Strathmore und Kinghorne. Während der eineinviertelstündigen Führung durch Glamis Castle hat der Guide uns mit Fakten über die Familie überschüttet. Das war echt nicht uninteressant, aber alles konnte ich mir nicht merken. Was ich mir aber gemerkt habe: das berühmteste Mitglied der Familie Bowes-Lyon war Lady Elizabeth Bowes-Lyon, die spätere Queen Mum, die Teile ihrer Kindheit auf Glamis Castle verbrachte. Auch später war sie oft mit ihrem Mann, Albert, Herzog von York, dem späteren König Georg VI. in Glamis und brachte 1930 sogar ihre Tochter Margaret hier zur Welt. Prinzessin Margaret war damit seit fast 500 Jahren das erste Mitglied der königlichen Familie, das in Schottland geboren wurde.
Da Glamis Castle immer noch in Privatbesitz ist, durfte man drinnen nicht fotografieren. Schade. Es gab echt viel zu sehen, Bilder, Möbel, Jagdtrophäen, Kuriositäten (zum Beispiel eine Vitrine mit einem ausgestopften weißen Reh). Nach der Führung habe ich noch ein paar Fotos außen auf dem Gelände von Glamis Castle gemacht und dann bin ich zum nächsten Programmpunkt aufgebrochen.
In Montrose gibt es ein vom Scottish Wildlife Trust betreutes Besucherzentrum für das Montrose Basin, eine Gezeitenlagune, die ein Natur- und vor allem Vogelschutzgebiet ist. Auf dem Weg dorthin habe ich in Forfar am Supermarkt gehalten und ein bisschen was für einen späten Mittagsimbiss eingekauft.
Am Besucherzentrum in Montrose gibt es einen Beobachtungsstand und da bin ich nach dem Brötchenessen auf dem Parkplatz sofort hingegangen.
Safari ist ja immer so ne Sache. Man weiß nie was kommt. Heute hatte ich in Montrose aber ein besonderes ornithologisches Erlebnis. Ich habe einen Kuckuck gesehen. Das ist schon echt was besonderes. In 47 Jahren Vogelbeobachtung habe ich bisher erst einmal einen Kuckuck gesehen, und das war in Nepal. Der Kuckuck heute war mein erster in Europa. Leider war der Vogel zu weit weg, um das Bild des Tages zu bekommen, aber vielleicht reicht es für ein, zwei Beweisbilder für Frantis World.
Es war echt einiges los an Geflügel und so habe ich beim Beobachten ein bisschen die Zeit vergessen… das kann schon mal passieren, aber war jetzt auch nicht wirklich schlimm, denn ich hatte heute ja leichteres Programm als gestern. Vogelbeobachtung finde ich übrigens ähnlich entspannend wie Planespotten.
Vom Beobachtungsstand bin ich die 100m zum Besucherzentrum rüber gegangen, eigentlich nur um mir nen Kaffee zu organisieren. Aber dann bin ich dort auch nochmal an den Fenstern hängengeblieben und es kam ein neuer Vogel auf meine Lebensliste, die Wasserralle. Leider unter noch schlechteren Fotobedingungen als der Kuckuck. So war es letztendlich kurz vor vier als ich am Montrose Basin zur Weiterfahrt aufgebrochen bin. Dadurch fiel allerdings der Besuch im Luftfahrtmuseum von Montrose aus. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen und für den letzten Programmpunkt heute verhieß das nichts Gutes.
Als ich auf den Parkplatz von Dunnottar Castle fuhr, meinte der Regen es ernst. Ich habe also zuerst ein paar Minuten im Peugeot gesessen und als der Regen dünner wurde, habe ich die Regenjacke angezogen und bin losspaziert. Die Ruine von Dunnottar Castle liegt wildromantisch auf einem Feldvorsprung in der Nordsee und könnte problemlos als Kulisse für ein paar Episoden aus Game of Thrones dienen. Angesichts des Regens habe ich mir die Innenbesichtigung gespart und nur die Aussicht auf die Burg, die Klippen und die Nordsee genossen. Zum Glück hat sich währenddessen der Regen auch entschlossen aufzuhören, so dass ich trockenen Hauptes das zweite Bild des Tages und ein Video machen konnte und nicht mehr die Kapuze über den Ohren haben musste beim Betrachten der Szenerie.
Die nächsten beiden Nächte bin ich in Aberdeen. Aberdeen ist die drittgrößte Stadt Schottlands, nach Glasgow und Edinburgh. Hier wohnen ungefähr so viele Menschen wie in Mainz. Da ich hier in einer Airbnb-Wohnung mein Quartier habe, musste ich auf dem Weg hierher noch ein bisschen Frühstücksproviant kaufen. Morgen früh gibt’s Eier.
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