29. Oktober 2026

Als ich heute morgen um zehn nach fünf aus meinem Zimmer trat, war’s am regnen. Wat’n Driss. Aber half ja nix. Nach dem obligatorischen Vor-Safari-Tee hatte das Wetter sich aber schon wieder weitgehend beruhigt, und der Jeep mit dem wir losgezogen sind, hatte auch eine Dachplane, so dass wir schön im Trockenen saßen.
Zuerst sind wir zur Nationalparksverwaltung gefahren. Die Fahrt durch das nachtschlafende Guruwahi war schon ein Erlebnis für sich. Die Kühe hatten sich nämlich wegen des Regens alle irgendwo untergestellt und lagen oder standen in Hauseingängen oder unter den Vordächern der noch mit Rollläden verschlossenen Geschäfte. Ziemlich clever und sehr lustig zu sehen… und ziemlich clever. Am Verwaltungsgebäude des Bandhavgarh-Nationalparks stieg unser Guide zu. Wobei wir festgestellt haben, dass die „Guides“ hier in Bandhavgarh oft nicht wirklich Guides sind, sondern nur Aufpasser von der Nationalparksverwaltung, die dafür sorgen, dass Fahrer und Gäste sich anständig benehmen. Heute morgen hatten wir eine junge Frau als Guide dabei. Das ist schon ungewöhnlich, denn normalerweise ist der Umgang mit Touristen hier in Indien weitgehend eine Männerdomäne. Die MitarbeiterINNEN in den Hotels bisher kann man an zwei Hände abzählen. Sogar das Housekeeping, bei uns ja eher frauenlastig besetzt, wird hier von Männern erledigt.
Auch heute morgen ging es wieder zum Tala Gate des Bandhavgarh-Nationalparks. Dort hat unser Fahrer Mukesh die nötigen Formalitäten erledigt und die Safari konnte losgehen. Wir waren heute in der gleichen Zone des Parks unterwegs wie gestern ( hier in Bandhavgarh gibt es ebenfalls ein Zonen-System, ähnlich wie in Ranthambore). Auch wenn es bis auf ein paar Sprenkler keinen weiteren Regen mehr gegeben hat und Mukesh nach einer gewissen Zeit die Plane eingerollt hat, trug das kühle, feuchte Wetter dazu bei, dass das Leben im Park sich heute langsamer bewegte. Sogar die Chitals wedelten langsamer mit ihren kurzen Schwänzen.
Die Landschaft des Parks ist aber auch bei solchem Wetter eindrucksvoll, so dass uns die Zeit nicht lang wurde. Tiger haben wir heute morgen keine gesehen, auch wenn wir an mehreren Stellen die Alarmrufe der Hirsche, Affen und Pfauen gehört haben, mit denen sich die Tiere hier gegenseitig vor den Großkatzen warnen. Die Alarmrufe dienen den Fahrern und Guides neben Fußspuren auf dem Waldweg als Hinweise auf die Anwesenheit eines Tigers.
Frühstückspicknick haben wir heute im Auto gemacht, in guter alter Safari-Tradition. Wer schon mal mit mir im Krüger-Nationalpark war, der weiß, wovon die Rede ist. Nur Erdnussbutter fehlte.
Kurz vor dem Ende des Safarivormittags ist Mukesh noch mit uns zur Vishnu-Statue von Bandhavgarh gefahren. Diese tausend Jahre alte Darstellung eines schlafenden Vishnu (einer der drei hinduistischen Hauptgötter) ist eine der Sehenswürdigkeiten im Park. Die Statue ist zwölf Meter lang und in einem Stück aus dem Felsen gemeißelt. Die Anlage befindet sich mitten im Wald, mit einer Terrasse davor, einer Quelle und einem Wasserbecken und es kommt so ein kleines bisschen Indiana-Jones-Feeling auf, wenn man da steht.
Nach dem Besuch bei Vishnu haben wir den Rückweg zur Lodge angetreten. Die Tour brachte zwar nichts neues, es war aber trotzdem eine schöne Safari, weil auch einfach die Landschaft hier so schön ist.
Nach einer nicht besonders langen Mittagspause sind wir um halb drei zur Nachmittagssafari aufgebrochen. An der Verwaltung haben wir den Guide aufgesammelt, und das war zum ersten mal hier in Bandhavgarh einer, der den Namen auch verdient hatte. Er sprach gut Englisch und er hat auch schön mit uns erzählt und war lustig.
Für die Pirschfahrt heute nachmittag haben wir eine andere Zone des Parks zugewiesen bekommen. Hier ist die Landschaft deutlich flacher aber der Wald ist ähnlich wie bei den ersten beiden Touren gestern und heute morgen. Um Punkt drei setzte sich die Jeepkolonne in Bewegung. Ich denke, dass dieser Zone heute so sieben oder acht Fahrzeuge zugewiesen waren. Am Anfang fährt man noch hinter einander her, aber schon an der ersten Weggabelung teilt sich die Kolonne auf, und es ist nicht ungewöhnlich, dass man über längere Zeit keinem anderen Fahrzeug begegnet.
Wir waren gerade zehn Minuten unterwegs, uns voraus fuhr auch noch ein anderer Jeep, als mein suchender Blick nach rechts schweifte, und da lagen zwei Tiger im Bambusgestrüpp, keine zwanzig Meter entfernt. Weder Mukesh noch unser Guide hatten sie gesehen, und der vorausfahrende Jeep offensichtlich auch nicht, denn der fuhr einfach weiter. Auf mein „STOPP!“ bremste Mukesh scharf und setzte zurück, und dann war auch schon das erste Bild auf der Speicherkarte. Ein Bild aus dieser ersten Serie seht Ihr im ersten Bild des Tages. Kurz danach kam ein weiterer Jeep an. Das war den beiden Katzen dann doch etwas zu viel Aufmerksamkeit und sie standen auf. Zum Glück haben sie ihren Aufenthaltsort aber nur ein paar Meter verlegt, an eine Stelle, wo wir sie noch weiter beobachten konnten. Für die nächste Viertelstunde hatten wir Gelegenheit die beiden Tiger zu sehen und einen sogar beim Trinken zu beobachten, bevor sich die beiden weiter ins Dickicht trollten. Mukesh und unser Guide haben uns erzählt, dass die beiden ein Männchen und ein Weibchen sind, die beide zu einem Wurf aus drei Tigern gehören. Die beiden sind rund zwei Jahre alt und haben noch Kontakt mit der Mutter, aber gehen auch schon mal eigene Wege, so wie ihr Bruder, den wir nicht gesehen haben. Weil die beiden noch so jung sind, haben sie noch keine Bezeichnung oder gar einen Namen. Unser Guide hat sich aber etliche der Fotos, die ich von den beiden gemacht habe, mit dem Handy abfotografiert. Die Aufnahmen sollen bei der späteren Identifizierung der Tiger helfen. Tiger sind laut Aussage unseres Guides die einzigen Tiere, über die es in Indien eine komplette Aufstellung und Datenbank gibt.
Ich kann nur sagen: das war ein echter Kracher. Gleich zwei Tiger auf einen Knall, da kommen Erinnerungen an meinen ersten Besuch im Bandhavgarh-Nationalpark auf. Damals haben wir auch zwei Tiger auf einmal gesehen, und, wenn ich es richtig im Kopf habe, vier insgesamt.
Die weitere Pirschfahrt war ebenfalls sehr erfolgreich. Neben Chitals, Sambars, Nilgais, Geflügel – vor allem Pfauen und Bankivahühner, die man heute vielfach krähen gehört hat – sind wir auch einem Muntjak begegnet. Diese kleine Hirschart stand auf meiner persönlichen Wunschliste ziemlich weit oben und der staatse Bock hat deshalb das zweite Bild des Tages bekommen.
Einziger Wermutstropfen heute nachmittag war das Wetter. Es blieb zwar bis auf ein paar Tropfen trocken, aber wir sind unter dunkelgrauem Himmel unterwegs gewesen. Bei diesen Lichtverhältnissen musste ich mit ziemlich hohen ISO-Zahlen fotografieren und die Bilder sind folglich etwas körnig.
Morgen haben wir eine letzte Frühpirsch im Bandhavgarh-Nationalpark. Ich bin schon gespannt, was ich Euch danach präsentieren kann. Nach dem Mittagessen kommt Bharat uns abholen und wir fahren weiter nach Jabalpur, der letzten Station unseres Indien-Abenteuers. 

 

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