Reiselogbuch - 2012 Apulien


7. Oktober 2012

Die Herbstferien da, und seit heute auch meine Herbsttour 2012. Ich bin in Apulien. Das ist zwar eine der eher weniger bekannten Regionen Italiens, aber sie stand bei mir schon lange recht weit oben auf der Liste der anvisierten Reiseziele. (Überhaupt scheint 2012 das Jahr der Umsetzung von „Da wollte ich schon immer mal hin“-Reisen zu sein: Azoren, Spotting in Kopenhagen und jetzt Apulien.)
Der Tag begann heute morgen zur überaus unchristlichen Uhrzeit von 4:00Uhr. Um 6:25Uhr sollte nämlich die erste Etappe meiner Anreise in den Süden Italiens beginnen. Ich war nämlich nicht auf direktem Weg nach Apulien unterwegs – das geht zwar auch, ist aber spürbar teurer und vom Fliegerischen her deutlich uninteressanter – sondern mit Zwischenstopps in Amsterdam und Bologna. Aber wie es halt so ist, wenn ich früh aufstehen muss, um in den Urlaub zu fahren, dann habe ich am Tag selber erst mal keine Lust und bin noch morgenmuffeliger als an normalen Tagen.
Immerhin gab's dieses Mal keine vergleichbaren Probleme wie bei meiner Anreise nach Odessa im Juli (siehe hier). Und als der Vorfeldbus dann neben dem KLM-Flieger in der morgendlichen Dunkelheit des Köln-Bonner Flughafens hielt war der Tag schon für mich gerettet. Die KLM hatte nämlich nicht die sonst übliche Fokker 70 geschickt sondern eine Fokker 100. Dieses Modell läuft grade bei der KLM aus und ich hatte ehrlich nicht mehr damit gerechnet, jemals in einem dieser Flieger in KLM-Farben zu sitzen. Das war also schon mal das erste Highlight des Tages. Leider begann der Flug mit über zwanzig Minuten Verspätung – eine Serie, die sich im Laufe des Tages fortsetzen sollte und mir am Ende meine Zeitplanung etwas durcheinander bringen würde.
In Amsterdam gab es dann erst mal das traditionelle Starbucks-Frühstück und um kurz vor halb elf war ich wieder unterwegs, nach Bologna. Bologna ist ein ziemlicher Schrottflughafen, wie die meisten italienischen Flughäfen, die noch nicht in den letzten Jahren grundüberholt wurden. Aber man arbeitet dran. Dass zusätzlich zu dem veralteten, schlechten Flughafenkonzept der Flughafen von Bologna jetzt auch noch eine Riesenbaustelle ist machte die anderthalb Stunden Wartezeit allerdings nicht besser, und dann kam noch mal ne halbe Stunde Verspätung oben drauf.
Wenigstens gab es im Anflug auf Bari einen ersten guten Überblick über die Landschaft, und den seht Ihr auch im Bild des Tages. Olivenhaine, soweit das Auge reicht. In Bari ging's bei Sixt zwar relativ flott mit der Übernahme des Mietwagens, aber eben auch nur relativ. Ein Auto mieten braucht selbst unter guten Bedingungen ungefähr ne halbe Stunde und so begab es sich, dass ich nicht wie geplant schon um kurz vor drei sondern erst um kurz vor vier meinen weißen Nissan Micra vom Flughafen Bari weg steuerte. Das Zeitverhängnis nahm seinen Lauf, als ein großes Schild mit der Aufschrift „Auchan – Domenica aperto“ am Straßenrand auftauchte und ich mir dachte: „Super – da kannst Du ja noch flott im Supermarkt was Wasser kaufen.“
Als ich endlich mit shoppen fertig war und mir auf der Landkarte noch mal die Strecke angekuckt habe wurde mir aber erst so richtig bewusst, dass es von Bari nach Lecce noch rund 160km sind. Italien ist halt recht weitläufig. So habe ich das weitere Sightseeing-Programm gestrichen und war, reichlich müde nach 12 Stunden auf den Beinen um kurz vor sechs in Lecce im Hotel. Ist ja auch schon Oktober und es hatte zu dämmern begonnen. (Noch ne Anmerkung: ich hasse es, im Dunklen nach nem Hotel suchen zu müssen.) Immerhin brauchte ich – zum Glück - keine Essgelegenheit mehr, denn ich habe meinen Italien-Urlaub mit einem zünftigen Hotelzimmer-Picknick begonnen. Die Lebensmittelabteilung von nem Mega-Supermarkt wie Auchan bietet dafür nämlich reichlich Material und so gab es heute abend statt Pizza oder Pasta Brot, italienischen Käse, italienischen Schinken, Oliven und apulischen Vino rosso. Sehr zünftig.
Morgen hat der Nissan schon den ersten Tag frei, denn ich werde Lecce zu Fuß erobern. Hier soll's sehr schön sein und ich werde Euch natürlich morgen abend berichten. In der Zwischenzeit bitte ich Euch natürlich wie immer um eine kurze Rückmeldung, ob Text und Bild in brauchbarem Zustand bei Euch angekommen sind.


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8. Oktober 2012

Mein erster Sightseeing-Tag in Apulien. Auf dem Programm stand Lecce und ich muss sagen, es lohnt sich. Eine süditalienische Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch. Kleine Gäßchen, Winkel und Innenhöfe, Palazzi und Kirchen, ein Dom, ein Marktplatz mit Cafés und Touristen... genauso, wie man sich das alles vorstellt.
Der Tag begann damit, dass ich um neun Uhr, vor dem Hotelfrühstück, den Micra in die Hotelgarage gefahren habe. Den hatte ich gestern nämlich noch für umsonst auf der Straße geparkt und heute sah er ganz schön... hmmmm... beschissen aus. In dem Baum unter dem das Auto stand hat nämlich ein Schwarm Spatzen übernachtet. Es könnte also durchaus sein, dass ich zum ersten Mal in meiner Reisekarriere einen Mietwagen waschen lasse.
Das Frühstück im Hotel war für italienische Verhältnisse durchaus üppig. Allerdings weist der ganze Laden hier den vollen Charme der 1970er Jahre auf. Der frühen 70er. Ich denke, die meisten von Euch wissen was ich meine. Aber so lange es sauber und gut geführt ist finde ich das Styling sowieso eher nachrangig.
Nach dem Frühstück ging's in die Stadt. Knapp zehn Minuten läuft man vom Hotel zur Piazza Sant'Oronzo. Und damit ist man auch schon im Herzen der Altstadt. Obwohl Lecce insgesamt rund 100.000 Einwohner hat ist die Innenstadt doch überschaubar groß. Überschaubar im Wortsinne ist das Gassengewirr zwar kein bisschen, aber auf Grund der geringen Ausdehnung des Stadtzentrums kann man sich nicht wirklich verlaufen und weiß recht schnell, wohin welches Sträßchen führt, selbst wenn man keinen Stadtplan benutzt.
Ich habe also einen ausgedehnten Stadtspaziergang gemacht und mir dabei ausführlich den Lecceser Barock zu Gemüte geführt. Barock ist ja eher nicht so meins, aber ich muss sagen, dass er mich bei äußerlicher Anwendung deutlich weniger stört als im Innenraum von Kirchen und Gebäuden. Man darf auch den mediterranen Barock nicht in einen Topf werfen mit dem süddeutschen. Da liegen noch mal ein paar Welten zwischen. Hier am Mittelmeer hat auch der zur Innendekoration verwendete Barock nicht die Zuckerguss- und Bonbon-Qualität wie in den barocken Kirchen Deutschlands.
Nach zwei Stunden Spaziergang - ich war grade erst so richtig in Schwung gekommen – wurde ich rüde von einer weiteren Eigenschaft der Mittelmeerländer ausgebremst, der Siesta. Irgendwie verdränge ich das immer wieder, vor allem in den Oster- oder Herbstferien, wo die Temperaturen eigentlich keine fünfstündige Mittagspause erfordern. Aber es half nix, um spätestens halb eins waren mit einem Rumms alle Rollläden und Türen zu und die Altstadt von Lecce fiel in Schlaf. Seid Ihr schon mal abends um zehn in Euskirchen durch die Neustraße gegangen? So sah's hier aus – nur eben mitten am Tag. Einzig die Touristen machten tapfer weiter mit der Außenbesichtigung der Barockfassaden oder hatten sich rechtzeitig nen Platz im Café besorgt. Apropos Touristen. Lecce ist fest in deutscher Hand. Und da die Anzahl der deutschsprachigen Reiseführer über Apulien gering ist erkennt man sich am „Reise Know-How: Apulien“. Ich bin da leider keine Ausnahme, auch wenn ich heute nachmittag mit der kurzen Hose unterwegs war und das Buch verschämt in der Beintasche verstecken konnte.
Die Siesta jedenfalls hatte mich unvorbereitet überrascht und so bin ich zum Hotel spaziert und habe meinerseits Mittagspause gemacht. Gegen vier ging's wieder raus und ich habe mich weiter durch die Gassen treiben lassen und fotografiert. Das Licht heute abend war absolut klasse. Fotos gibt’s also schon etliche, und damit wären wir beim Bild des Tages. Das ist eine klassische Ansicht aus der Altstadt von Lecce. Der Blick geht die Via Vittorio Emanuele II entlang zur barocken Fassade der Kirche Sant'Irene. Die Straße ist eine der Hauptstraßen in der Altstadt und führt direkt von der Piazza Sant'Oronzo zum Dom.
Morgen geht’s raus auf's Land. Ótranto und Gallípoli stehen auf dem Programm. Ich denke, da werde ich einiges vom Salento, so heißt der südlichste Zipfel Apuliens, zu sehen bekommen.


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10. Oktober 2012

Ich bin in Táranto, der nächsten Station meiner Reise. Der heutige Tag hatte es mal wieder in sich. Nach dem Frühstück wurde in Lecce ausgecheckt aber danach ging es keineswegs auf grader Strecke zum heutigen Endpunkt der Tour. Die erste Etappe endete nach nur rund 20 Minuten an der ehemaligen Abtei Santa Maria a Cerrate, ungefähr auf einem Drittel der Strecke zwischen Lecce und Bríndisi. Hier wurde mein quasi nicht vorhandenes Italienisch zum ersten Mal auf die Probe gestellt, als die beiden Aufpasser mir Anweisungen gaben, was ich mir ankucken sollte, zum Beispiel die unterirdische Olivenölpresse, und was ich nicht durfte, nämlich im Innenraum der ehemaligen Klosterkirche fotografieren. Die Abteiruine war echt niedlich und auf jeden Fall einen kleinen Umweg wert.
Danach ging's zurück auf die Schnellstraße. Ich bin zwar jetzt schon etliche Male mit dem Mietwagen in Italien unterwegs gewesen, aber irgendwie vergesse ich immer wieder den Spaßfaktor beim Autofahren hier unten. Zum Glück kommt die Erinnerung schnell wieder und der Nissan Micra eignet sich hervorragend, um im apulischen Straßenverkehr, sowohl auf Schnell- und Landstraße, als auch im Stadtverkehr mithalten zu können. Gut motorisiert, wendig und auch schnell genug. Was will man mehr?
Nächster Programmpunkt heute war Ostuni. Der Ort war mir von meinem Vater warm empfohlen worden und er lag mit dieser Empfehlung goldrichtig. Malerisch auf einem Hügel gelegen, wie man auch auf dem Bild des Tages sehr schön sieht, bietet Ostuni alles, was das Herz begehrt. Nen niedlichen Duomo, verwinkelte Gässchen und Innenhöfe, weite Blicke über die apulische Adriaküstenebene zwischen Bríndisi und Bari, und schöne Ristorantes und Osterias. Wenigstens war's da schön und vor allem sehr lecker, wo ich heute mittag eingekehrt bin :-) Vorher hatte ich natürlich ausgiebig das Städtchen erkundet und zum Nachtisch gab's noch ein Eis an der Piazza della Libertá, dem Hauptplatz in der Neustadt von Ostuni. Ich habe hier schon mehr Eis aus der Eisdiele gegessen als im ganzen Rest des Jahres 2012 zusammen.
Dritter Programmpunkt heute war Mandúria, um genauer zu sein die Ausgrabungen des antiken Mandúria. Die Stadt war ursprünglich eine Siedlung der Messapier, des südlichsten der drei Hauptvölker, die in der Antike Apulien besiedelten. (Die beiden anderen waren die Peuketier und die Daunier.) Die Herkunft der Messapier ist umstritten. Herodot behauptete, dass sie von den Kretern abstammten. Neuere Forschungen dagegen legen nahe, dass sie aus Illyrien, dem heutigen Balkan, nach Apulien einwanderten. Woher auch immer sie aber kamen, sie siedelten erfolgreich im Salento und wurden nie wirklich besiegt. Im ersten Jahrhundert vor Christus erlangten die Messapier, wie die anderen italischen Völker das römische Bürgerrecht. Mandúria war eine der wichtigsten Siedlungen der Messapier und noch heute kann man große Teile der Stadtmauer und die umliegenden Gräberfelder besichtigen. Deshalb also bin ich nach Mandúria gefahren.
Nach ein bisschen suchen habe ich dann auch den Eingang zu der Ausgrabungsstätte gefunden, nachdem ich vorher schon an etlichen hunderten Metern antiker Stadtmauer vorbeigekurvt war. Tjaaaa, und dann wurde es spannend. Der Eintritt in den archäologischen Park war zwar umsonst, aber die Anlage wurde von einem ehrenamtlichen... ich würde mal sagen Pensionär bewacht. Paolo. Und Paolo hatte sich in den Kopf gesetzt, mir eine Führung zu geben. Was soll ich sagen? Ich bin immer noch ganz baff, wie gut ich Italienisch kann... *lach... zumindest was das verstehen anging habe ich mich höchst tapfer geschlagen, während mich Paolo in strammem Schritt zu der doppelten Reihe von Stadtmauern und zum antiken Brunnen – den schon Plinius in seiner Naturgeschichte erwähnte und der heute das Stadtwappen von Mandúria ziert – führte. Wir sind dann sogar noch mit meinem Auto zu einem entfernteren Teil der Anlage gefahren, wo mir Paolo einen gut erhaltenen Teil der Nekropole, die die Stadtmauer ringförmig umschloss gezeigt und erklärt hat. Es war total lustig und spannend und eigentlich nur schade, dass ich Italienisch wesentlich schlechter sprechen als verstehen kann.
Am Ende des Tages ging's dann nach Táranto, meinem Stützpunkt für die nächsten beiden Nächte. Da ich nicht wie die meisten Leute von Norden oder Nordosten, sondern von Südosten hier ankam hatte die Stadt auch noch keine Gelegenheit, mich mit ihren berüchtigten Industriegebieten zu erschrecken. Von Südosten ist es nur ne recht normale Großstadt am Mittelmeer. Morgen werde ich mal kucken, was sie an Kunst und Geschichte zu bieten hat.


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9. Oktober 2012

In Lecce regnet's. Da war ich eben doch etwas überrascht, als ich aus dem Supermarkt, fünf Minuten zu Fuß vom Hotel hier, kam und es fielen die ersten Tropfen. Ich bin zwar noch halbwegs trocken nach Hause gekommen, aber dann gab's nen richtigen Guss. Irgendwie schon klassisch. Kaum hat man das Auto gewaschen, schon regnet's. Aber der Reihe nach.
Der Tag heute begann recht früh. Ich hatte den Wecker auf viertel vor acht gestellt, denn ich hatte mir für heute viel vorgenommen. Nach dem Frühstück ging's mit dem Auto erst an die Adria-Küste und dann auf der Küstenstraße nach Süden in Richtung Ótranto. Mein erster Eindruck von der Adria – genau, es ist das erste Mal, dass ich am Adriatischen Meer bin – war nicht der beste. Die Küste war flach und von ein paar Klippen abgesehen eher unspektakulär. Überhaupt ist der Salento nicht unbedingt landschaftlich umwerfend. Man hat den Eindruck, dass sich die Landzunge eher zwischen die beiden Meere, das Adriatische und das Ionische, hin duckt. Was allerdings schon beeindruckend war auf dem Weg nach Ótranto das waren die Berge Albaniens, die am anderen Ufer der Adria aus dem Dunst ragten, erst kaum sichtbar, aber dann im Laufe des Vormittags etwas deutlicher. Grade mal 71km ist die Straße von Ótranto breit, die die Adria mit dem Ionischen Meer verbindet. Das war sogar schon in der Antike ein Katzensprung.
Ótranto selbst ist richtig schnuckelig. Eine kleine, verwinkelte Altstadt mit ein bisschen zu vielen Touri-Krimskrams-Läden, einem Castello Aragonese und einer schönen Kathedrale. Diese zeichnet sich durch einen spektakulären Mosaik-Fußboden aus und wenn ich ein Stativ oder zumindest einen Stuhl als Ersatz gehabt hätte, dann hätte ich nach dem Bild des Tages nicht lange suchen müssen.
Nach dem Besuch der Kathedrale bin ich ein bisschen durch Ótranto spaziert, habe mir das Castello Aragonese und die vielen kleinen Gässchen und Winkel angekuckt und mir ein Ristorante für das Mittagessen ausgesucht. Sehr schön alles, inklusive Tagesmenü mit Antipasto del' Mare und Linguine con vongole. Da konnte man echt nicht meckern.
Nach der Mittagspause ging's dann wieder raus auf die Landstraße. Ich hatte nämlich, nach den Siesta-Erfahrungen von gestern, den heutigen Tag so geplant, dass ich während der Mittagsschlafzeit unterwegs sein und das ein oder andere steinzeitliche Baudenkmal ankucken würde, um dann rechtzeitig mit dem Wiedererwachen der Ortschaften in Gallípoli zu sein, genau gegenüber von Ótranto an der Küste des Ionischen Meers. So war zumindest der Plan. Die steinzeitlichen Baudenkmäler entpuppten sich dann als ein eher bescheidener Dolmen, aber das was spannend wurde war das klackernde Geräusch, das mein linker Hinterreifen machte. Zuerst denkt man sich ja bei sowas noch nix Böses, sondern versucht nur, beim nächsten Stopp das Steinchen aus dem Reifenprofil zu entfernen. Als ich aber bei einem kurzen Navigationsstopp nach der Arbeit mit der Karte mal kurz ausstieg fand ich aber statt des Steins eine Kreuzschlitzschraube in dem Reifen.  Hmmmmm... Mist... Sowas kann auch die feinste Planung durcheinander bringen. Und das auch noch in der Mitte von nirgendwo, statt in einem Vorort von Lecce. Da offensichtlich aber keine Luft entwich habe ich die Schraube erst mal in Frieden gelassen und bin weiter in Richtung Gallípoli gefahren, was auch die kürzeste oder vielmehr die einfachste Strecke zurück nach Lecce war. Ich sah mich allerdings schon mit Wagenheber und Warnweste an meinem Auto rumdoktern und dann kam ich in meinen neuen Lieblingsort in Apulien, Taurisano.
Nur ein paar hundert Meter hinter dem Ortseingang sah ich das Schild mit der Aufschrift „Gommista Preite – Centro Assistenza Pneumatici“. Warum also bis Lecce warten? Ich also zur Reifenwerkstatt und da war natürlich noch Siesta um kurz nach drei. Hmmmm – in einer halben Stunde wird hier aufgemacht, der Reifen hält immer noch die Luft, was kann man also mit der Zeit anfangen? Richtig! Auto waschen lassen. Die Total-Tankstelle an der Straße von Taurisano nach Gallípoli hatte denn auch eine moderne Selfservice-Waschanlage und der zwar etwas grummelige, aber trotzdem sehr hilfsbereite Tankstellen-Mitarbeiter konnte mir a) meinen 50-Euronen-Schein klein machen und hat mir b) auch noch direkt die Waschanlage eingeschaltet. Als ich dann mit dem sauberen Micra wieder vor der Reifenwerkstatt hielt, war dort die Siesta zu Ende und nach zwanzig Minuten war ich mit geflicktem Reifen auf dem Weg nach Gallípoli. Für ganze 10 Euro... *lach... Mein Italienisch ist zwar über den beiden Aktionen nicht wirklich besser geworden, aber Hände und Füße haben's auch getan. Die Leute hier sind echt hilfsbereit.
In Gallípoli bin ich dann noch ne gute Stunde durch die auf einer kleinen Insel wenige Meter vor der Küste liegende Altstadt geschlendert, hab mir nen Espresso am Piazza Duomo gegönnt und habe danach den Ausblick auf das Ionische Meer genossen. Die Wolken sorgten für eine tolle Abendstimmung.
Tja, und obwohl heute erst der dritte Tag meiner Tour ist, kann ich mich schon heute nicht für ein Bild des Tages entscheiden. Deshalb gibt’s mal wieder zwei. Zum einen das Stilleben mit Vespa und Katze aus Ótranto, stellvertretend für all die Bilder, die in den Gassengewirren von Ótranto und Gallípoli entstanden sind. Zum anderen ein bisschen Meeresstimmung: ein Fischerboot auf dem Heimweg nach Gallípoli vor dem dämmernden, wolkenverhangenen Himmel.
Morgen ist Schluss mit Lecce. Es geht nach Táranto – allerdings nicht auf gradem Wege, aber das erzähle ich Euch morgen abend.


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11. Oktober 2012

„Wildes Italien“ war heute morgen das Motto und das Bild des Tages ist eines der Beweisfotos, die ich dazu gemacht habe. In Táranto ist Italien nämlich noch wirklich wild. So ähnlich wie in Neapel.
Mein Hotel hier liegt absolut zentral, direkt am Wasser. Dazu muss man sich auch die Lage der Stadt vergegenwärtigen. Die Altstadt von Táranto, dem griechischen Taras -  einst eine der mächtigsten Städte von Magna Graecia – liegt auf einer Insel. Bis vor rund 500 Jahren war's noch eine Halbinsel, aber dann hat man das damalige Stadtzentrum vom Festland abgetrennt und noch ein fettes Kastell errichtet, um sich besser gegen die Türken verteidigen zu können. Auf dieser Insel war einst die Akropolis der griechischen Stadt Taras, dem späteren römischen Tarentum. Da wo sich heute die Neustadt befindet lag die griechische Agorá und das Handelszentrum der im 8. Jahrhundert vor Christus als einzige spartanische Kolonie gegründeten Stadt.
Mein Hotel befindet sich genau an dem Kanal, der die Neustadt von der Altstadt trennt.  Mit nur ein paar Schritten über die Brücke war ich also in der Cittá Vecchia und habe mich durch das Gassengewirr treiben lassen. Ein schöner normannischer Dom mit einem Langhaus mit ehemaligen antiken Tempelsäulen gehörte ebenso zu den Sehenswürdigkeiten wie die Überreste des Poseidon-Tempels. Die beiden dorischen Säulen direkt neben dem Rathaus sind die einzigen oberirdisch sichtbaren Reste des einstigen griechischen Glanzes. Was aber nach den restaurierten Prachtstücken von Städten wie Ótranto, Gallípoli, Ostuni oder Lecce am meisten auffällt ist der heruntergekommene Zustand der Altstadt. Viele der Häuser und Palazzi sind echt vergammelt und man fängt grade erst an, zu renovieren. Im Vergleich zu Lecce stehen die Häuser auch noch mal dichter gedrängt, und selbst unter strahlend blauem Himmel ist es in den Schluchten der Altstadt von Táranto dämmerig. Dass da überhaupt Autos durchfahren ist schon verwunderlich. Dazu kommt auch noch der neapolitanisch anmutende Dreck. Man muss immer wieder kucken, wo man hin tritt, denn obwohl ich nur ein paar Hunde bei meinem Rundgang gesehen habe, muss es doch echt viele geben. Also wie ich schon sagte, „wildes Italien“, aber deswegen noch lange nicht unsympathisch. Und man sieht eben auch, wo es beginnt, besser zu werden. Das Bild des Tages, das wie ich finde die Altstadt von Táranto sehr schön zusammenfasst, entstand übrigens am Nordrand der Insel, wo die Fischer anlanden. Ich habe den Hafen im Rücken und deshalb ein bisschen Platz für eine Aufnahme von Häuserfronten gehabt.
Zum Mittagessen gab's Pizza in einer kleinen Osteria direkt in der Nähe vom Hotel und nach dem obligatorischen Nachtischbesuch in der Gelateria habe ich schön Siesta gemacht.
Am Nachmittag sollte dann wieder Kultur auf dem Programm stehen, um genau zu sein das Archäologische Museum, das als das zweitgrößte in Süditalien nach Neapel angepriesen wurde. Die Latte hing also hoch, denn das Museum in Neapel ist echt klasse. Leider konnte Táranto da nicht auch nur ansatzweise mithalten. Der Platz zwei unter den archäologischen Museen Süditaliens ist ein weit weit abgeschlagener. Nach knapp 20 Minuten stand ich wieder auf der Straße und habe mich erst mal mit nem Espresso getröstet. Für 80 Centesimi am Tresen eines Caffés, wie sich das gehört. Da könnte ich mich echt dran gewöhnen. Dann bin ich noch ein dreiviertel Stündchen durch die Neustadt spaziert und habe den Nachmittag auf dem Sockel eines der Denkmäler an der Uferpromenade mit Blick auf die Reede von Táranto und das Castello Aragonese ausklingen lassen.
Ich muss sagen, dass mir Táranto gefällt. Es ist halt wesentlich weniger touristisch und noch nicht so auf gefälliges Erscheinungsbild getrimmt wie zum Beispiel Lecce. Aber ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren noch ändern, wenn sich die Leute hier erst mal des Touri-Potenzials der Stadt richtig bewusst geworden sind. Jedenfalls hat mir der Tag in Táranto nicht leid getan. Das ist hier mal ein etwas anderes Apulien als das, was ich bisher zu sehen bekommen habe.
Morgen ist schon Halbzeit meiner Apulien-Tour. Ziel der Tagesetappe ist Bari, aber auf dem Weg dahin, und ich werde natürlich mal wieder nicht den graden Weg nehmen, gibt es noch Etliches zu sehen.


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