Ostersonntag 2023

Eigentlich halte ich mich für einen pflegeleichten Reisegast, der Reiseleitern, Guides und Fahrern nicht viel abverlangt… (Ich hoffe da lacht gerade keiner…) Heute habe ich allerdings ein bisschen was gefordert – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Kulturen des Kontinents auf dem ich mich befinde und wo ein „Nein“ für die Gastgeber keine Option ist.
Ich habe schon den ganzen Abend versucht, meine Gedanken von gestern zu rekonstruieren, aber es ist mir nicht gelungen ausfindig zu machen, wie ich drauf gekommen bin. Um’s kurz zu machen: ich habe gestern irgendwann irgendwie herausgefunden, dass es hier in der Nähe von Pokhara ein Geier-Restaurant gibt. „Ein was…?“ wird sich jetzt die eine oder der andere denken. Ich hole also mal ein bisschen aus. Geier, vor allem der Bengalengeier, gehörten früher zu den häufigsten Vögeln auf dem indischen Subkontinent. Die Zahl der Bengalengeier ging in die Millionen, und sie erfüllten einen für die Menschen sehr wichtigen Zweck. Sie fraßen nämlich die toten Tiere, die immer wieder mal anfielen, besonders die toten Kühe. Kühe sind in Indien – und in Nepal – heilig, das heißt, sie werden nicht geschlachtet und gegessen. Aber sie werden natürlich gehalten, für die Milch. In den 1990er Jahren begann die Geierpopulation auf dem indischen Subkontinent zuerst allmählich und dann dramatisch abzunehmen. Im Verlauf von 20 Jahren wurden aus den einst nach Millionen zählenden Geiern kritisch bedrohte Arten. Der Zusammenbruch der Population war zuerst ein Rätsel, bis die Wissenschaftler der Ursache auf die Spur kamen. Sie heißt Diclofenac, und wenn sich jetzt jemand fragt, was das ist: das ist der Wirkstoff in Voltaren. Kennt jeder über 50, und zum Teil auch schon deutlich früher, wenn man es in den Knochen hat. Das Mittel ist für Menschen und Rinder ungefährlich, aber für Geier führt Diclofenac innerhalb weniger Tage zu tödlichem Nierenversagen. Da reicht es auch schon, wenn der Vogel sich nur einmal vom Kadaver einer Kuh ernährt hat, die mit Diclofenac behandelt wurde.
Die Auswirkungen von Diclofenac waren nicht nur für die Geier katastrophal, sondern auch für die Menschen auf dem Subkontinent. Da die Geier sich nicht mehr um die Entsorgung der Kuhkadaver kümmern konnten, schnellten die Populationen von Ratten und vor allem von verwilderten Hunden massiv in die Höhe. Gerade die Hunde sorgten im nächsten Schritt für den drastischen Anstieg der Tollwut-Infektionen in Indien. Zusätzlich verseuchten die verwesenden Kühe die Wasserversorgung auf dem Subkontinent. Seit 2006 ist Diclofenac in Indien, Pakistan und Nepal in der Veterinärmedizin verboten, und so langsam, langsam beginnen sich die Bestände der Geier zu erholen. Um das zu unterstützen gibt es in Indien und Nepal Geier-Restaurants. Hier werden altersschwache Kühe gehalten, bis sie auf natürliche Weise sterben, und so wird den Geiern eine leicht verfügbare Futterquelle angeboten. Im Prinzip nicht so viel anders, als bei uns im Winter Meisenknödel aufzuhängen.
Eines dieser Geier-Restaurants befindet sich 17km von Pokhara, und als ich heute morgen meinen lokalen Guide Subass kennenlernte, habe ich ihn sofort drauf angesetzt, ob man da hinfahren könnte. Es hat ein bisschen Beharrlichkeit und etliche Telefonate seinerseits erfordert, aber wie Ihr im zweiten Bild des Tages sehen könnt, hat es funktioniert. Wir sind heute nachmittag zum Geier-Restaurant in Ghachok gefahren.
Dabei hatte der Tag sehr konventionell – und in aller Herrgottsfrühe – begonnen. Eine beliebte Tortur für Touristen ist das „Muss man unbedingt gemacht haben“-Sonnenaufgangserlebnis. Viele Leute kommen bestimmt morgens besser aus dem Bett als ich, aber ich bin eindeutig ein SonnenUNTERgangsmensch. Immerhin habe ich es gestern abend geschafft, vor zehn Uhr im Bett zu sein, so dass das Wecken um halb fünf nicht die maximale Katastrophe bedeutete. Um fünf standen Surat und Subass, mein Guide für Pokhara und Umgebung vor der Tür und es ging los zum Aussichtspunkt von Sarangkot, der berühmt ist für seine Aussicht und seine Sonnenaufgänge. Alleine war ich da oben nicht, aber das war mir schon klar. Die Tasse Tee, die es gab hat mein Befinden auch etwas erhellt. Aber insgesamt habe ich etwas grumpy da gesessen und zugekuckt wie es hell wurde. Dass Subass gerne erzählt und quasi am Stück geredet hat, hat es für mich um diese Uhrzeit nicht besser gemacht. Das Panorama allerdings hat es in sich, auch wenn es um diese Jahreszeit sehr dunstig ist. (Für klare Sicht fährt man besser im Oktober nach Nepal.)
Letztendlich war ich dann aber doch beeindruckt von diesem Hochgebirgspanorama. Das Bild kann nicht ansatzweise den wirklichen Eindruck wiedergeben. Ich habe außerdem ein bisschen gephotoshopt (Tiefen, Lichter, Dunstentfernung, Kontrast), damit man die Berge etwas besser erkennen kann. Der Blick geht auf die Annapurna-Region. Der scheinbar höchste Berg ist der Fishtail, auf Nepali Machhapuchhare, was auf Deutsch ‚Fischschwanz’ heißt. Mit 6997m ist er zwar immer noch höher als alles was es an Bergen außerhalb Asiens gibt (der höchste Berg außerhalb Asiens ist der Aconcagua mit 6961m), aber über alles unter 7000m wird hier in Nepal eher gelächelt. Der Machhapuchhare scheint in diesem Bild als höchster Berg, weil er am nächstem am Betrachter liegt. Rechts vom Machhapuchhare liegt die Annapurna III mit 7555m und das von der aufgehenden Sonne bestrahlte Massiv links vom Machhapuchhare ist die Annapurna Süd mit 7219m. Die Annapurna I, der erste jemals bestiegene 8000er der Welt, hüllt sich zwischen Fischtail und Annapurna Süd in Wolken. Wenn man es ganz genau nimmt, dann liegt sie hinter dem Knubbel rechts von der Annapurna Süd. Im Juni 1950 standen mit den beiden Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal erstmals Menschen auf dem Gipfel der Annapurna I. Seitdem ist die Besteigung zwar über 150 Mal gelungen, aber damit ist die Annapurna immer noch der am wenigsten bestiegene 8000er. Nicht wegen nichts… die Annapurna ist statistisch der gefährlichste Berg im Himalaya.
Nach dem Sonnenaufgang in Sarangkot gab es erstmal Frühstück und Päuschen im Hotel. Um zehn kamen Surat und Subass mich dann zum weiteren Vormittagsprogramm abholen. Sehr touristisch gab es erst eine Bootstour auf dem Phewa-See, die aber immerhin zwei neue Vogelarten auf die Liste gebracht hat, und danach ne Tour zur World Peace Pagoda, eine von einer japanischen Organisation in den 1970er Jahren errichtete Stupa. Nichts wirklich besonderes, aber mit ner schönen Location hoch über dem Phewa-See und mit tollem, wenn auch diesigen Blick auf Pokhara.
Nach der Mittagspause, um 15 Uhr, hat Subass mich dann mit einem lokalen Fahrer abgeholt, der sich hier besser auskennt als Surat, der nicht aus der Gegend von Pokhara stammt. Ne gute dreiviertel Stunde und wir waren in Ghachok, wo sich das Geier-Restaurant befindet. Die Dorfbewohner und der Betreuer des Geier-Restaurants waren sehr hilfsbereit. Leider gab es seit Corona keinen wirklichen Publikumsverkehr mehr und  vor Ort gibt es keine Betreuung durch Mitarbeiter, aber es leben dort immer noch altersschwache Kühe, die irgendwann sterben, und die den Geiern Nahrung bieten. Etliche Geier haben wir gesehen, viele Bengalengeier, einen Kahlkopfgeier, zwei Schmutzgeier und eine weitere Art, die ich noch nicht sicher bestimmen konnte (wahrscheinlich Gänsegeier). Knapp anderthalb Stunden haben wir uns am Geier-Restaurant aufgehalten und die Vögel beobachtet und ich denke es ist schönes Material für die Webseite dazugekommen. Dann haben wir uns auf den Heimweg gemacht.
Morgen ist wieder eine Wanderung angesagt. Ich denke, dass kann ich meinen Füßen zumuten. So lang wie vorgestern wird es auf jeden Fall nicht.

 

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